top of page

​

 

 

Der Vater des Genres

Von Christoph Schütte, Frankfurt
Freitag, 16.01.2026

Bernd Gieseking blickt auf das Jahr 2025

Frankfurt. Und? Frohgemut ins neue Jahr gestartet? Noch ein letztes Glas getrunken, einmal um den Block getrabt und die jetzt wirklich allerletzte Zigarette ausgedrückt? Nein? Nun, dann halt im nächsten Jahr. Bleibt doch für derlei Tatendrang die nächsten Tage wenig Zeit. Immerhin ist es seit jeher guter Brauch und Tradition, sich erst einmal ein wenig zu besinnen. Zu schauen, was war gut im nun vergangenen Jahr, was eher nicht so toll, und an was man sich womöglich kaum auch nur erinnert. Was wenigstens im Kabarett kein Schaden ist. Hat doch Bernd Gieseking akribisch Buch geführt über Pleiten, Pech und Pannen im politischen Getriebe weltweit und in Berlin – und zum komischen Programm erhoben.

„Ab dafür!“ ist der satirische Jahresrückblick des im ostwestfälischen Minden-Kutenhausen geborenen Kabarettisten seit mehr als 30 Jahren überschrieben. Womit Gieseking als der Erfinder eines ganzen Genres gelten darf. Und in der Tat lässt er sich im Frankfurter Kabarett Die Käs auch nicht lange bitten, wenn er von Januar bis Dezember jeden Monat ein mal mehr, mal weniger sympathisches Gesicht des Monats kürt.

Lässt er doch von der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten über den Haftantritt Nicolas Sarkozys bis zum Friedenspreis der FIFA und von der schwarz-roten Koalition in Berlin über den neuen Mann im Vatikan, Papst Leo XIV. also, bis zum spektakulären Coup im Louvre kaum ein Thema aus, das Europa und die Welt in Atem hielt. Und hier wie dort vor allem reichlich Anlass bot, sich fremdzuschämen.

Angesichts von Kanzler Merz’ nicht eben diplomatischem Geschick etwa, mit dem er sich vom Umweltgipfel im brasilianischen Belém verabschiedete, oder des Gebarens des selbst ernannten Friedensfürsten Donald Trump. Von Putin ohnehin zu schweigen. All das durfte man durchaus erwarten von diesem seit Jahrzehnten auf den Brettlbühnen dieser Republik erprobten Format. Doch wie Gieseking die imperialen Phantasien Trumps und Putins in Wilhelm Buschs Bubengeschichte von „Max und Moritz“ – „Ach herrje, herrjemine“ – zu spiegeln und in Verse zu bringen trachtete, das war allemal lustiger, als man angesichts des einigermaßen deprimierenden Jahrs 2025 annehmen mochte.

Freilich, am unterhaltsamsten ist Gieseking immer dann, wenn ihm, wie für den Monat April, scheinbar wenig einfällt. Und er statt nach Washington oder Berlin nach Kassel oder Minden blickt und – „Hömma“ – an dem einen oder anderen Tresen den Dingen auf den Grund zu gehen trachtet. So manche Anekdote hat man, wie die Geschichte vom „Seepferdchen mit 60“, womöglich schon einmal gehört oder gelesen. Und wenn nicht, erscheint sie wie so manche von Giesekings Kolumnen sicher bald als Buch.

Doch andererseits, näher als in den „Bekenntnissen eines sportlichen Spätzünders“, wie das „Seepferdchen“ untertitelt ist, kann man dem ostwestfälischen Gemüt vermutlich gar nicht kommen. Und komischer als das vorhersehbare Scheitern eigener Vorsätze sind sie selbstredend allemal. Christoph Schütte

â– Bernd Gieseking gastiert am 17. Januar in Kelkheim sowie am 23. Januar im Theater im Pariser Hof Wiesbaden.

​

FAZ.JPG
bottom of page